Fridor

Zur Geschichte.

Fridor NM 10

Fridor NM 10, Freiarm-Haushaltsnähmaschine mit Anschiebetisch, Umlaufgreifer, Zierstichschablonen, Gewicht 8,55 Kg, Baujahr ca 1957, Herst.: Süd-West-Atlas Werke, München, ursprüngl. Herst.: Fridor Naaimachinefabriek, Den Haag, NL (Bilder: U. Blumental)
Fridor NM 10, Freiarm-Haushaltsnähmaschine mit Anschiebetisch, Umlaufgreifer, Zierstichschablonen, Gewicht 8,55 Kg, Baujahr ca 1957, Herst.: Süd-West-Atlas Werke, München, ursprüngl. Herst.: Fridor Naaimachinefabriek, Den Haag, NL (Bilder: U. Blumental)

 

Die niederländische Naaimaschinefabriek Fridor (1947-1957), hervorgegangen aus den Waldorp Radio-Fabrieken, hat in den Nachkriegsjahren mit Lizenzhilfe von Helvetia, Schweiz, eine neue Haushaltsnähmaschine mit eigenständigem Design auf den Markt gebracht: die Fridor Stitchmaster.

Die hier gezeigte Fridor NM 10 ist offenbar die 2. Generation und kam wohl später nach der ersten Fridor, die mit Kniehebel und teils Typenschild „Fabrication Brevet Suisse“ ihre Schweizer Wurzeln nicht verschweigt, auf den Markt. Die NM 10 unterscheidet sich deutlich von der 1. Generation. Sie wurde vermutlich gegen Ende des dann 1957 in Konkurs gegangenen Herstellers hergestellt bzw in Lizenz oder nach Verkauf der Marke von den süddeutschen Atlas-Werken gebaut. Da gab es wohl offenbar geschäftliche Verbindungen, da beide Hersteller auch Radios bzw. andere Audio-Geräte produziert haben. Baugleiche NM 10 wurden jedenfalls auch mit original niederländischem Typenschild vertrieben.

Der Koffer in einfacher Ausführung hat über die Jahre stark gelitten, aber die – kostengünstige - Sperrholz-Unterteilung zur Aufbewahrung von Fußpedal und Zubehör ist sehr praktisch zum Verstauen. Leider hat der polsternde Schaumstoff im Innern sich über die Jahrzehnte zersetzt und dadurch wurde der Lack leicht beschädigt.

Ganz im Gegensatz dazu der Eindruck der Maschine, wenn sie dann nähfertig auf dem Tisch steht: Ein echtes Schmuckstück!

Das Design ist offenbar angelehnt an die „futuristischen“ USA-Produkte aus den 50/60ern, stromlinienförmige Wohnwagen aus Alu, Heckflossen an Autos, usw., toll! 

Ähnlich elegant geschwungene Linien gab es natürlich in den 50ern auch in Europa, nicht nur beim Motorroller „Vespa“ sondern auch bei Nähmaschinen z.B.  Borletti, Italien und einigen anderen Herstellern (Anmerkung Nähmaschinenverzeichnis: siehe Adler Adlerette und WEBA Vestalette) …

Die Technik ist bewährt. Umlaufgreifer, Schnurkettenantrieb für die Greiferwelle,  senkrecht stehender Motor mit Reibrolle auf das Handrad für den Antrieb. 

Erstaunlicherweise hat der Motor nur 35 Watt, obwohl außen auf dem Typenschild 70W angegeben sind (bei im Internet gefundenen Abbildungen von der 1. Generation finden sich 35 Watt als Gesamtleistung auf dem Typenschild.) Die relativ geringe Motorleistung ist durch den direkten Reibradantrieb kein Manko, aber so schafft die Maschine richtig dicken Stoff dann doch nicht, aber dafür ist sie wohl auch nicht gebaut worden …

(Bei dieser Maschine gab es keinen „Standplatten“ des  Antriebsgummis, im Gegensatz zu anderen Maschinen mit nicht entkoppelbarem Reibradantrieb, lange Standzeit und weiches Gummi gibt auf Dauer ne Delle, die zu unrundem Lauf führt, siehe z.B. „Elna“ ...)

Technisch hat „Fridor“ einige innovative, teils recht merkwürdige Besonderheiten aufzuweisen:

Die hohle Nadelstange: Austausch einer 705er Flachkolbennadel soll von oben erfolgen!!! Diese rutscht dann durch ihr Eigengewicht bis unten runter bis zu einem Anschlag-Federmechanismus am unteren Ende der Nadelstange. Da soll Mann/Frau dann auf eine Art „Entriegler“ drücken bis die Nadel ganz runtergerutscht ist und dies mit einem leisen “Klick“ verkündet – und dann wird sie festgeschraubt. Damit wäre sie dann theoretisch in der richtigen Position fixiert. Klappt leider nicht zuverlässig, vor allem wenn Staub oder alte Ölreste in der hohlen Nadelstange sind. Dann heißt es die ganze Maschine Umdrehen und Schütteln oder die Nadelklemmschraube entfernen und mit dünnem Draht von oben rumstochern. Na ja, einfacher ist doch von unten bis Anschlag reinschieben! Vor allem weil die Nadel nach dem „Klick“ natürlich gern noch ein wenig weiter nach unten rutscht und dann die Position doch nicht stimmt ….(Wer sich das wohl ausgedacht hat?)

Entkopplung des Antriebs fürs Unterfadenaufspulen durch simples Umklappen: 

Der Mechanismus wird zugänglich nach Öffnung des Deckels: Nach rechts klappen entsperrt gleichzeitig! den Nadelantrieb durch Federdruck und bringt die Reibrolle fürs Aufspulen in Position. Für den Nutzer einfachste Handhabung beim Unterfaden-Aufwickeln. Beim Zurückklappen nach links rasten dann zwei Zapfen wieder ein und treiben die Nadelstangenmechanik wieder an. Relativ aufwändig konstruiert, vermutlich wurde sowas deshalb bei Konkurrenzprodukten aus Kostengründen oder Patentschutz kaum eingesetzt.

Oberfadenführung von hinten nach vorn durch den Rechts im Freiraum (!) angebrachten Fadenspanner. Die ungewöhnliche Anordnung scheint am Design orientiert (damit nix technisches raussteht, was den Gesamteindruck aus einem Guss womöglich stört). In der Handhabung allerdings unpraktischer als klassische Oberfadenspanner vorne und auch die Fadenführung erschließt sich nicht sofort intuitiv.

Der Untertransport lässt sich gut durch einen allerdings recht unscheinbaren Aluhebel zum Sticken absenken. Auch das Entfernen der Stichplatte zum Reinigen erfolgt ganz einfach durch seitliches Drücken eines Hebels neben dem Greifer, wenn dessen Funktion erkannt ist. Bedienungsanleitung lesen ist Pflicht, danach stellt sich das Ganze als sehr nutzerfreundlich heraus. Die Entwickler haben da wohl im Sinne „modernen Industriedesigns“ gute Arbeit geleistet.

Anbau-Lupe als Hilfe zum Einfädeln in die Nadel! Fehlt bei dieser Maschine, die Bohrung – leider ohne verchromte Abdeckung – für dieses Anbauteil ist aber vorhanden.

Das Nähverhalten ist präzise, die Stierstiche mit den sehr einfach zu wechselnden Schablonen funktionieren einwandfrei. Die beigefügten 10 Scheiben sind von „16“ bis „30“ nummeriert, möglicherweise gab es noch mehr Zierstichscheiben als Zubehör nachzukaufen.

Fazit: Niederländisches Nachkriegsprodukt, in Deutschland kaum bekannt, nur wenige Jahre produziert. Innovatives futuristisches Design angelehnt an 50er Jahre USA. Auch heute noch ein Hingucker, technisch auf der Höhe der Zeit. (Anmerkung: Die Vorläufergeneration Fridor Stitchmaster findet sich außer in den Niederlanden tatsächlich von Australien über Südafrika bis GB/USA/Kanada wieder.)  

Vorteile

Umlaufgreifer, Zierstiche, bewährte Schweizer Lizenztechnik, kein Plastik – außer bei den Zierstichscheiben, gutes Nähverhalten, tolles Design, solide und benutzerfreundlich konstruiert.

Nachteile

schwacher Motor; Service und Reinigen erfordern Fachkenntnisse; die Greifermechanik ist kaum zugänglich ohne die halbe Maschine zu zerlegen, auch die Nadelstange versteckt sich hinter einer massiven, verschraubten Frontabdeckung. Die Fadenführung ist gewöhnungsbedürftig, Kleinserie (ohne heutige Ersatzteilchancen), selten, im Gegensatz zur 1. Generation Fridor Stitchmaster, die vor allem in den Niederlanden (2021) noch häufiger zu finden ist.

 

Text: U. Blumental

Fridor Super Zig-Zag

Fridor Super Zig, Freiarm-Haushaltsnähmaschine mit Anschiebetisch, Umlaufgreifer, Zierstichschablonen, Gewicht 8,55 Kg, Baujahr ca 1955, Hersteller: Fridor Naaimachinefabriek, Den Haag, NL (Bilder: W. Ziegler)
Fridor Super Zig, Freiarm-Haushaltsnähmaschine mit Anschiebetisch, Umlaufgreifer, Zierstichschablonen, Gewicht 8,55 Kg, Baujahr ca 1955, Hersteller: Fridor Naaimachinefabriek, Den Haag, NL (Bilder: W. Ziegler)

Augenscheinlich identische Maschine zur oben genannten NM10, Motor wohl von Fridor selbst gebaut, 110V-Spannung.

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