Babylock EA-605

Babylock EA-605, 4-fädige Overlock-Nähmaschine, Hersteller Juki, Japan, ca. 1970 (Bilder: Harald Demmer)
Babylock EA-605, 4-fädige Overlock-Nähmaschine, Hersteller Juki, Japan, ca. 1970 (Bilder: Harald Demmer)

Die 1970-71 auf den Markt gebrachte vierfädige EA-605 mit zwei Nadeln ist eine Weiterentwickung der EF-305, die ich hier vorstellen will. Die Grundabmessungen dieses Maschinchens erklären den Begriff „Baby“ von selbst, es ist ohne die ausladenden Garnrollenhalter tatsächlich ein Winzling, aber schwergewichtig mit 9,5kg. . Der obere, deutlich erkennbare Griff ist nicht nur als Fadenführung durch die Löcher von oben sondern vor allem zum Tragen angebracht worden. Die aufragenden Garnrollenhalter sollte man niemals zum Transport benutzen, da die Stützen nur mit einem, aus dem Zinkdruckguss-Halter herausstehenden, bei Gewaltanwendung bruchempfindlichen Stift im Gehäuse stecken. 2 Madenschrauben fixieren die abnehmbaren Garnrollenhalter, eine steckt von hinten tief im Gehäuse. Es gibt Exemplare, die sogar vier Konen auf einer Stütze tragen müssen. Bei Bruch hilft nur Verstärken mit einem zentriert eingebohrten 2-3mm Stahlstift und Kleben mit 2-Komponentenkleber für Metall. Bei der ihnen zugedachten Belastung und Verwendung halten die Stützen aber sehr gut, nur gewalttätigen Missbrauch vertragen sie nicht.. 

 

Die alten Babylock-Maschinen sind ansonsten schier unverwüstlich konstruiert mit einem vollständig aus Graugussunterteil, Aluminiumdruckgussoberteil und Blechverkleidungen gefertigten Gehäuse. Sogar das Handrad, zugleich Riemenscheibe, besteht noch aus Grauguss. Der rechtslaufende 120W Motor (Nähmaschinen drehen i. d. R. linksherum) ist noch klassisch als Rucksackmotor mit Zahnkeilriemen mit der gleichen Befestigungschiene wie bei normalen Nähmaschinen angehängt. Er liesse sich bei Defekt leicht durch einen entsprechenden, rechtsdrehenden 120W YDK-Motor o. ä.  ersetzen. Auch die innere Mechanik besteht vollständig aus Stahl-, Guss-  oder Sintermetallteilen. Die Sinterlager an den wichtigen Drehpunkten und Gelenken sind auf Langzeitschmierung ausgelegt, vertragen aber von Zeit zu Zeit gerne ein paar Öltropfen nach Bedienungsanleitung. Unzugängliche Schmierpunkte haben Schmierdochte von am Gehäuse rot markierten Ölbohrungen aus. Die Messer als Verschleissteile sind heute noch relativ preisgünstig im Handel.

 

Die Maschine benötigt Rundkolbennadeln des Typs 1738, Stärke 80 oder 90,  amerikanisch: BLx1 oder DBx1, No. 11 oder 14 . Die Nadeln sind noch im Fachhandel erhältlich. Die Hohlkehle für den Faden muss exakt nach vorn zeigen, es wird von vorn nach hinten eingefädelt. Der Rundkolben neigt zum Verdrehen der Nadel beim Einsetzen und Festziehen, es hilft eine abgewinkelte Pinzette oder eine flache Feinmechnikerzange. Es ist aber mit etwas Geduld kein Hexenwerk und die Greifer haben etwas mehr Spiel als bei normalen Nähmaschinen, bei denen alles auf Hundertstel mm genau zusammenspielen muss.. 

 

Der lange Nähfuss konnte durch einen kürzeren für kurvige Nähte auf feinem Jersey oder anderem Stretchmaterial ausgewechselt werden. Bei der vorgestellten Maschine fehlt er allerdings. Der normale lange Nähfuß bewirkt zusammen mit dem langen Transporteur einen guten Geradeauslauf der Naht.

 

Die Fadenführung ist nicht einfach und sollte stets penibel nach Bedienungsanleitung und der Abbildung im abklappbaren Zubehörfach durchgeführt werden. Abweichungen mag das Maschinchen überhaupt nicht. Eine Pinzette ist für das Nadel- und Greifereinfädeln (bei dem beengtem Platz) unbedingt notwendig. Auch die gute alte Prym-Nadeleinfädelhilfe kommt bei dieser Maschine sinnvoll zum Einsatz.

 

Schwieriger ist die richtige Einstellung der Fadenspannung, an die man sich von relativ losen Einstellungen langsam steigernd an Probenähten an mittelschwerem Baumwollstoff herantasten sollte. Wie bei Industriemaschinen üblich, fehlt jegliche Markierung auf den vier Knöpfen. Der Unterfaden (Greiferfaden) für den Doppelkettenstich läuft nicht wie die anderen über eine Fadenanzugfeder und benötigt nur geringe Vorspannung. Man kann spüren, dass beim Verdrehen die die Spannungsscheiben andrückenden Federn unterschiedlich ausgelegt sind. Mit einem feinen Permanentmarker kann man sich selbst leicht je einen Strich auf den glatten, in die Federglocke eintauchenden Ringen der 4 Verstell-Rändelmuttern für die Grundeinstellung für 2 Lagen mittlerem Baumwollstoff anbringen, von denen man dann je nach Stoff und Garn +/- abweicht. Es benötigt etwas Übung und Erfahrung, welche Einstellungen bei welchen Stoffen und Fäden notwendig sind, daran sind manche Besitzer/innen verzweifelt. Die im Internet auch kostenlos verfügbare Betriebsanleitung zeigt, welches Nahtbild entstehen sollte. Es ist mit etwas Geduld und systematischem Herantasten von lose nach fest ohne hektisches Hin- und Herdrehen aber mit Sicherheit zu erreichen. Die Nadelfadenspannung des Doppelkettenstichs  muss ziemlich hoch sein, damit die Schlaufen für den Unterfadendurchzug bei Nadelaufwärtsbewegung wieder zugezogen werden. Sonst nimmt der Greifer mehrere Schlaufen auf und reisst den Nadelfaden im Nadelöhr ab. Dabei läuft der Faden dann oft ohne Stichbildung unter dem Transporteur auf dem Stoff mit, was man erst nach Austritt hinter dem Nähfuß sieht und danach sucht, wie er denn aus dem Öhr "schlüpfen" konnte. Zur Fadenrissvermeidung  ist besondere Feinjustierung je nach Gewebeart nötig, daher immer probenähen, man sieht den Fehler schon an einer sich häufenden Schlaufenbildung vor der Nadelspitze.. Es ist auch darauf zu achten das alle Fäden wirklich zwischen den Spannungsscheiben liegen und nicht nur darüber gleiten. Es empfiehlt sich, die Scheiben zur Kontrolle – immer bei angehobenem Nähfuß - durch kurzes Abziehen der Auslösescheibe – der Ring mit dem -/+  – vollständig federspannungsfrei zu lockern.

 

Die leicht elastische Doppelkettenstichnaht kann mit dieser Maschine ebenso wie die 2fädige Overlocknaht getrennt oder gleichzeitig genäht werden. Bei Umstellen auf die Einzelnähte sind die rechte (für den Kettenstich) oder linke Nadel (für die Overlocknaht) herauszunehmen. Die jeweils nicht benötigten Fäden können auf dem weiteren Fadenweg eingefädelt bleiben, die unteren Enden sollten aber  lose z. B. am Haltegriff der Maschine angeknotet werden, damit sie nicht „ins Getriebe“ geraten. Bei meinem Exemplar hatte der Vorbesitzer wohl unfreiwillig ca. 100m Faden auf dem Handrad unter dem Zahnriemen aufgewickelt. 

 

Das Obermesser kann man für die Doppelkettenstichnaht solo durch Ziehen/Schieben seiner Achse nach rechtsnach oben klappen und ausschalten. Der obere Greifer für die Overlocknaht wird in unterer Position durch Hochklappen einer Klinke in dem Gelenk links nahe dem Gehäuse hinter der Frontklappe ausgeschaltet. Ein Tischchen, das man gegen das Stoffrestableit- und  Schutzblech in der vorderen Klappe austauschen kann, erlaubt die Kettenstichnaht bis 4cm von der Kante entfernt zu nähen. 

 

Bei gleichzeitigem Nutzen der Doppelkettenstichs und des 2fädigen Overlockstichs oder Overlockstich solo sollte das Obermesser aber stets mitlaufen und mindestens 2mm Nahtzugabe, besser 5mm sollten abgeschnitten werden, sonst wird das Kante knubbelig oder die Kante kann nicht umschlungen werden. Es ist ja keine Coverlockmaschine. Der Nahtabstand der gemeinsamen Nähte ist fest mit 3mm und auch die Stichbreite des Overlockstichs mit 4mm kann nicht verändert werden. Das Overlock-Nahtbild stimmt, wenn auf den, auf der „linken“ Stoffseite zusammengefügten Teilen, von oben vor gleichmäßigen Schlingen um die Stoffkanten eine „Steppnaht“ zu sehen ist und auf der Kante die Verschlingung ebenfalls das Bild eine durchlaufenden Naht zeigt,. Von unten sollten auf die Kante gerichtet Spitzen  oder bei festerer Spannung und weichen Stoffen Doppelstriche sichtbar sein. Die Fadenspannung stimmt, wenn beim Auseinanderziehen der Naht auf der „rechten“ Stoffseite dann praktisch keine Fäden sichtbar sind, es sei denn man möchte ein „Nahtgrinsen“ durch gezielt verringerte Oberfadenspannung als Effekt. Das geht natürlich nicht bei einer gleichzeitigen Kettenstich-Sicherheitsnaht. 

 

Zum Ändern der Stichlänge findet man unter der Nähfläche nach Abklappen des Zubehörfachs links unten eine dicke Rändelschraube, die durch die Schraube davor gesichert ist. Nach Lösen mit einem Schraubendreher kann sie verdreht und entsprechend den angebrachten Ziffern und dem Zeiger von 1 bis 5mm eingestellt werden. Andere Exemplare haben auch eine Kunststoffschraube, für die ein Spezialschlüssel lt. Betriebsanweisung „mit herzförmigem Griff“ mitgeliefert wird. Man sollte aber beachten, dass eine kleinere Stichlänge erheblichen Garnmehrverbrauch erzeugt. Man kann bei 1mm schon fast vom „Ketteln“ sprechen. Auch die Fadenspannung muss neu angepasst werden.

 

Am Naht- und Stoffende muss man wie bei allem Overlockmaschinen mindestens 3-6cm der Kettenstich-und Overlockkette „in der Luft“ weiternähen, bevor man sie mit 3cm bleibendem Überhang abschneidet, sonst löst sich die Naht wieder. Die verbleibenden 3cm an der Maschine benötigt man, um die Fäden nicht neu in den Nadeln und Greifern einfädeln zu müssen. Da der erste Nahtanfang nach Neueinfädeln nicht immer von den ersten Stich an sauber aussieht, empfiehlt es sich einen kurzes Stoffrest zum „Einnähen“ einzulegen. Den Überhang am Nähgut, den man auch bei gekaufter Kleidung oft sieht, sollte man festnähen, am schnellsten von Hand. Mitten im Stoff kann man keine Overlocknaht beenden! Beim Kettenstich kann man ggf. die Naht bis zur gewünschten Länge mitten im Stoff wieder aufziehen und durch Durchziehen des Unterfadenendes durch die letzte Schlinge fixieren.

 

Die EA-605 ist wie alle Babylocks der ersten Serien eine auch für Haushaltszwecke miniaturisierte ehemals professionelle Maschine. Sie fand damals, auch aus Kostengründen, hauptsächlich Verwendung in kleinen Änderungsschneidereien als Nahtversäuberungsgerät. Als Kettenstichmaschine eingesetzt, hatte sie den Nutzen vor allem für sogenannte Reihnähte vor der ersten Anprobe, die man wieder schnell trennen können muss. Man kann aber nicht erwarten, dass sie über technische Weiterentwicklungen verfügt, die erst in den 80er Jahren aufkamen. Es gibt also keinen Differentialtransport, keine 3- oder 4-fach Overlocknaht, keine Rollierfunktion für einen Rollsaum. Letzteren nähte man damals mit einem Spezialnähfuss auf der normalen Nähmaschine, natürlich nicht so elastisch. Anders als  es hier und da zu lesen ist, halte ich, selber Nähanfänger, die Maschine dennoch für ein mögliches Einsteigermodell. Ich konnte mich schnell damit zurechtfinden. Sie ist leise, robust und verzeiht Nähfehler insofern, dass sie dabei keinen Schaden nimmt. Zudem ist sie relativ günstig als Gebrauchtmaschine zu erwerben, i. d. R. unter 100€. Wer allerdings Probleme mit technischen Herausforderungen hat, sollte die Finger von diesem Gerät lassen. Schraubendrehen muss man bei diesem Oldtimer allenthalben. Die Fadenspannung und –führung sind nicht einfach, das Einfädeln fummelig, aber es ist alles machbar und irgendwie auch interessant. Und man lernt schnell die Grundtechniken des Overlocknähens, wenn man sich den Herausforderungen stellt. Für mäßig dehnbare Stoffe wie festerer Jersey oder Denim mit Elastan und Trikotagen  genügen ihre Möglichkeiten auch als Ergänzung zur Haushaltsnähmaschine. Ich teile die Meinung von vielen glücklichen Besitzern, dass man sich mit ihr auf lange Zeit anfreunden kann. Denn sie kann, wie viele alte Nähmaschinen, bei guter Pflege Generationen überleben.

 

Ein wichtiger Pluspunkt der alten Babylocks ist der sehr leise Lauf auch bei hoher Geschwindigkeit bis zu 1500 Stichen pro Minute. Die EA-605 wurde mit unterschiedlichen Fußanlassern und Kabeln geliefert. Einige ältere Exemplare haben einen vierpoligen, schräg viereckigen Stecker, von denen aber nur drei – Masse, Phase, Schutzleiter – wirklich belegt sind und zum Motor führen. Andere haben einen dreipoligen Stecker.

 

Da die Maschine auch mit gebotener Vorsicht (Finger und lange Haare von den Messern und der Mechanik weit weg halten!!!) mit links und vorn geöffneten Klappen betrieben werden kann, ist es bei ihr möglich, die Entstehung der beiden Sticharten von innen zu beobachten. Man erkennt aber bei diesem Altertümchen noch, dass das Zustandekommen dieser doch verwirrend verschlungenen Nähte keine Zauberei, sondern richtig gescheite Ingenieurskunst ist. 

 

Diese Overlockmaschine mit ihren 2 Nahttypen ist zwar noch in Ihren Einsatzmöglichkeiten sehr beschränkt. Dafür kann Sie die ürsprünglichen Overlockaufgaben Nahtversäuberung und -sicherung sehr zuverlässig meistern. Durch ihren ruhiger Lauf bei hoher Stichpräzision und wegen ihrer mechanische Robustheit gebe ich Ihr anlog zu anderen Nähmaschinen-Bewertungen 10 von 10 Punkten.

 

Text: Harald Demmer

Ihnen gefällt unsere Seite und Sie möchten uns unterstützen?

Wir freuen uns über Spenden zum weiteren Betrieb.

Gerne über Paypal ("Geld an Freunde und Familie senden") 

https://www.paypal.com/myaccount/transfer/send

Mailadresse:  

Ich suche …

Die neuesten Einträge (Stand 22.9.2017) finden Sie unter: Bernina (117K, 707), Dietrich (Vesta VS), Dürkopp (114), Gritzner (GG), Elna (Supermatic), Helvetia (Freiarm), Kayser (138), Necchi (Geschichte), Pfaff (337), Phoenix (3, F, FF, D), Prinzess (FL), Seidel & Naumann (D4), Singer (650G, 746, Featherweight 221), Veritas (8014-3 Automatik) und Winselmann (Titan).

 

Die Naehmaschinenoase bietet eine sehr große Zahl Bedienungsanleitungen kostenlos zum Download an. Ein toller Service!             Link 1               Link 2